Für unseren November-Jour-Fixe hatten wir uns die Ausstellung zum Lebenswerk der Malerin Jeanne Mammen (1890–1976) ausgesucht. Die Berlinische Galerie hat eine große Retrospektive zusammengetragen – eine seltene Gelegenheit, das Werk dieser faszinierenden Künstlerin kennenzulernen. Erstaunlich, dass sie uns allen kaum bekannt war. Wer dabei war, wird ihre Bilder und Skulpturen nicht mehr vergessen.

Jeanne Mammen, Zwei Frauen, tanzend, um 1928
Privatsammlung Berlin, © VG Bild – Kunst, Bonn 2017, Repro: © Volker – H. Schneider, Berlin

Jeanne Mammen hat ein äußerst vielgestaltiges Werk hinterlassen. Am bekanntesten sind wohl ihre Werke zum quirligen Berliner Leben in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zuvor hatte sie – nach ihrer Kindheit und der künstlerischen Ausbildung in Paris – im Ersten Weltkrieg Frankreich verlassen müssen und in Deutschland einen schweren Start gehabt. Sie war Buch- und Zeitschriften-Illustratorin, hat Filmplakate gemacht, Modezeichnungen und Bilder für Zeitungen. Es gelang ihr, mit knappen Mitteln das Charakteristische herauszuarbeiten. Ihre Techniken waren vielfältig von der Zeichnung über Aquarell- und Ölmalerei bis zur Lithographie und Skulptur. Anfang der dreißiger Jahre gelangen ihr bei Besuchen in einem Zeichenatelier mit schnellen Strichen hochkomplexe, sarkastisch karikierende Charakterstudien; sie selbst sagte, es seien Hunderte gewesen. Eine eindrucksvolle Drahtplastik – schwarzer Draht in ganz ähnlicher Weise gebogen wie ihre Portrait-Strichbündel – hängt in der Ausstellung hoch oben an der Wand.

Mammen-Frau-mit-Pelzkragen

Privatbesitz Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Anja Elisabeth Witte

 

Jeanne Mammen war engagierte Chronistin der gewaltigen Umbrüche in ihrer Zeit. Von der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit ihrer Armut und den Menschen, die im „lasterhaften Berlin“ das Vergessen suchen und dabei oft resignieren, zeugen Zeichnungen und Aquarelle. Frohsinn spiegeln sie fast nie. Mammens Stil ist eigenständig, auch in der Auseinandersetzung mit den Kunstrichtungen ihrer Zeit (z.B. Ernst und Picasso).

Jeanne Mammen, Photogene Monarchen, um 1967
Leihgabe des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft, Berlin-Buch, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

In der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Themen widerständig. Sie war Sozialistin, und ihre Arbeiten zu Armut und Krieg standen der staatlichen Propaganda krass entgegen. Ihre Ausdrucksformen galten als „entartete Kunst“; zur Tarnung firmierte sie als „Gebrauchsgraphikerin“. In der Öffentlichkeit konnte sie ihre Werke nicht mehr zeigen. In der zweiten Nachkriegszeit ab 1945 wandte sie sich mehr und mehr abstrakten Formen zu, um schließlich ihre literarischen Arbeiten mit der Übertragung von Rimbauds „Illuminationen“ wieder aufzunehmen.

Die Retrospektive zeigt eindrucksvolle Werke aus dem schaffensreichen Leben einer engagierten Frau, die größte Hochachtung verdient. Schade, dass nur so wenige von uns dabei waren. Allen anderen ist die Ausstellung – sie ist noch bis zum 15.1.2018 zu sehen – sehr zu empfehlen.

Herbert Wilkens